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Marcel Redling:Leben von einer Schale Reis am Tag
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- vom 28. April 2011
Marcel Redling war bis vor einigen Jahren Pastor im MV, hat nun in den Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) gewechselt und ist Pastor einer Gemeinde in Darmstadt. Er ist verheiratet mit Manja, die beiden haben seit Dezember 2010 einen Sohn.
Hallo Marcel! Du hast mit einem Freund und Kollegen zusammen eine interessante Aktion gestartet "Eine Schale Reis" - worum geht es dabei?
"Jeder Mensch hat das Recht auf Nahrung" - so heißt es zumindest im Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Für die meisten Menschen bleibt dies jedoch eine Illusion! Die wenigsten bei uns wissen, dass eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten an Hunger leiden und dass alle 2 Sekunden ein Mensch an den Folgen von Unterernährung und extremer Armut stirbt. Und weißt du, wovon sich ein Drittel der Weltbevölkerung jeden Tag ernähren muss? Kaum zu glauben, aber es ist lediglich eine Schale Reis! Mehr nicht.
Leider stelle immer wieder fest, das ich vielen Dingen gegenüber gleichgültig bin. Tagtäglich werden wir mit Elendsbildern und Schreckensmeldungen in den Nachrichten konfrontiert, aber so richtig schockiert das keinen mehr. Wir haben uns so sehr an diese Bilder gewöhnt, das sie die meisten Menschen kalt lassen.
Meinem Freund Samuel Diekmann und mir ging es genau so, und wir konnten uns gar nicht vorstellen, wie es wäre, so zu leben. Deshalb haben wir uns vor ein paar Monaten dazu entschlossen das einfach mal ganz praktisch auszuprobieren. Aus Solidarität mit den Ärmsten der Armen und in dem Bestreben, uns neu bewegen zu lassen.
Uns hat die Erfahrung zutiefst verändert, und deshalb laden wir jetzt auch andere dazu ein, sich eine Woche lang auf nur eine Schale Reis, die Ration an Nahrung von der sich 1/3 der Weltbevölkerung ernähren muss, zu beschränken und so am eigenen Leib zu erfahren, was es heißt, Hunger zu haben.
Wann und wie seid ihr auf diese Idee gekommen?
Sammy und ich treffen uns regelmäßig und sprechen über die Dinge, die uns gerade beschäftigen. Wir lasen in der Zeit die Evangelien und uns beschäftigte die Frage, wie Glaube praktisch aussehen kann. Damals kam es zu der verheerenden Flutkatastrophe in Pakistan. Sammy wollte spontan in seiner Gemeinde einen Spendengottesdienst für Pakistan abhalten. Im Zuge dessen stellte er einige Recherchen an und stellte fest, das viele Menschen nur eine Schale Reis am Tag zu essen haben. Er erinnerte sich an ein Plakat von Brot für die Welt auf dem ein Reisschale sowie die Aufschrift "Weniger ist leer" zu sehen ist.
So kam die Idee zustande, und Sammy stellte ein kurzes Video ins Internet, indem er andere dazu einlud, bei diesem Experiment mitzumachen. Ursprünglich war das Video nur als Vorbereitung für den Spendengottesdienst gedacht. Allerdings stieß die Aktion auf so große Resonanz, das wir uns spontan dazu entschlössen, eine eigene Website und Kampagne ins Leben zu rufen. Seitdem hat sich die Aktion wie von selbst verbreitet. Die Webseite wurde bereits über 10000 mal angesehen und wir staunen was seitdem daraus geworden ist.
Wodurch bist du selbst mit dem Thema "Hunger" in Berührung gekommen?
1996, nur wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, hatte ich das Vorrecht und konnte 4 Wochen in der Mongolei verbringen. Damals war ich 16 Jahre alt und das war das erste Mal, das ich konkret mit Armut konfrontiert wurde. Das was ich in diesem Land sah, ließ mich nicht mehr los und trug wesentlich dazu bei, dass ich Pastor werden wollte. Dieser Wunsch war zutiefst davon geprägt, anderen Menschen zu dienen und zu helfen und so ein Stück der Antwort auf die Not zu sein, die ich dort sah. Seitdem hatte ich die Gelegenheit auch andere Länder kennen zu lernen.
Zuletzt war ich 2007 mit der Hilfsorganisation Shelter Now für einige Monate in Afghanistan. All diese Erfahrungen haben mich zutiefst geprägt.
Wie war für dich die Woche "Eine Schale Reis"?
Die ersten Tage haben mir nichts ausgemacht. Allerdings hatte ich in der Zeit sehr viel zu tun. Nach ein paar Tagen hatte ich einfach keine Kraft mehr und musste am fünften Tag abbrechen. Ich war ausgelaugt und schlecht gelaunt. Ständig fuhr ich an Supermärkten vorbei, sah Werbung für Essen und mir kam der Gedanke: "Warum tust du dir das eigentlich an, wo doch der Kühlschrank zu Hause voll ist."
Als ich darüber nachdachte, viel mir ein Zitat von Jean Ziegler, UN Beauftragter für Hungerfragen, ein. Nach Jean Ziegler könnten wir mit dem was unsere Weltwirtschaft Jahr für Jahr produziert, ca. 12 Milliarden Menschen ernähren und kommt zu dem Schluss: "Jeder Mensch, der an Hunger stirbt, wird ermordet." Das traf mich auf einmal mit voller Wucht, da ich auf einmal begriff: Der Kühlschrank und die Supermärkte sind ja voll. Doch nur einige wenige privilegierte Menschen haben Zugang dazu. Was für eine Schande. Gegen Hunger und Armut etwas zu tun, ist weniger Frage der Ressourcen sondern zu allererst eine Frage des Willens!
Viele andere haben sich euch angeschlossen - wie kam es dazu?
Seit wir die Aktion ins Leben gerufen haben, haben unzählige Menschen mitgemacht. Wir wissen bei weitem nicht wie viele. Doch die Resonanz ist immens groß. Es gab Zeiten, da haben wir jeden Tag Mails von Menschen erhalten, die sich an der Aktion beteiligt haben und die uns von ihren Erfahrungen erzählten. Aus Dänemark, der Schweiz, England und sogar Indien haben bereits Menschen mitgemacht.
In Darmstadt haben wir die Aktion mit etwa 200 Jugendlichen aus verschiedenen Gemeinden durchgeführt. Jeden Teilnehmer ermutigen wir dazu, das gesparte Geld der Woche, etwa 20 - 50 Euro, einer Organisation zu spenden, die konkret Armut bekämpft. In Darmstadt entschlossen wir uns dazu, das Geld einem Brunnenprojekt in Afghanistan von Shelter Now zukommen zu lassen. Insgesamt sind 3800 Euro zusammengekommen, durch die 4 Brunnen finanziert werden können. Davon sind wir begeistert.
Die Presse hat einige Male sehr positiv über unsere Aktion berichtet. Mittlerweile verbreitet sich die Aktion wie von selbst. Die Resonanz ist immer sehr positiv und spricht viele Menschen auf einer großen Breite an. Vor ein paar Wochen sind wir mit der Lobby- und Kampagnenorganistation ONE in Kontakt gekommen. Sammy wurde zu einem persönlichen Treffen mit Bill Gates und unserem Bundespräsidenten Christian Wulff eingeladen und ist nun offizieller Botschafter für die Kampagne "Living Proof". Das alles ermutigt uns, weiter zu machen und wir sind gespannt, was sich noch aus der Aktion entwickeln wird.
Abgesehen davon, dass man von Christen erwartet "irgendwie sozial" zu sein - wie ist für dich der Bezug zu deinem Glauben an Gott gegeben?
Zur Zeit lese ich wieder vermehrt den Jakobusbrief. Die Botschaft ist ganz klar: Christsein muss praktisch werden. Mein Glaube muss sich an meinen Taten messen lassen. Das fordert mich heraus, da es auf einmal konkret wird. Um uns herum sehen wir eine Vielzahl von Nöten. Die Frage ist jedoch die, ob ich Teil des Problems oder Teil der Lösung bin. Wirft man einen Blick in die Kirchengeschichte, lesen wir immer wieder von Christen, die gerade aufgrund ihres Glaubens gegen bestimmte soziale Missstände kämpften und so eine Antwort auf die drängenden Fragen ihrer Zeit wurden. William Wilberforce etwa setzte sich mit einigen Freunden für die Abschaffung der Sklaverei in England ein und durfte noch zu Lebzeiten erleben, wie sein Traum wahr wurde.
Doch es geht um viel mehr, als einfach nur sozial zu sein. In Matthäus 25:40 sagt Jesus einmal: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Jesus identifiziert sich mit den Schwachen, den Armen und denen, die in der Welt nichts bedeuten, und stellt sich auf eine Stufe mit ihnen. Und dann sagt er diesen Satz: "Was Ihr einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Also jede Liebestat, jeder Erweis von Barmherzigkeit meinem Nächsten gegenüber ist ein Akt der Anbetung. Wow!
Danke, Marcel, für diese persönlichen Einblicke. Vielleicht schließen sich ja auch ein paar MV-Gemeinden an!
Weitere Informationen: www.aktion-eine-schale-reis.de - dort sind auch Materialien verfügbar für Personen oder Gemeinden, die bei der Aktion mitmachen wollen.
