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Ingo Bröckel:Jeder Christ ein Evangelist?
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- vom 25. August 2011
Ingo Bröckel spricht über Evangelisation, das "Gute an der guten Nachricht" und darüber, wie Gemeinden und Einzelpersonen sie angemessen vermitteln können. Rebekka Dieckmann (Redaktion der MV-Zeitschrift Gemeinde KONKRET hat den Pastor der Paulus-Gemeinde Bremen am Rande einer Delegiertentagung in Mülheim interviewt.
Man sagt so schön: "Jeder Christ ein Gitarrist". Ist auch jeder Christ ein Evangelist?
Wenn du von der geistlichen Gabe der Evangelisation sprichst, dann hat die sicherlich nicht jeder. Aber ich glaube, dass jeder Christ ein Evangelist sein kann, indem er Zeuge von dem ist, was er gehört gesehen und erfahren hat. Was hat die Leute in der Apostelgeschichte begeistert und so glaubwürdig und stark gemacht hat? Sie haben Jesus erfahren und waren seine Zeugen. Tausende sind in dieser Jesus-Bewegung der ersten Stunde zum Glauben gekommen. Das hat die Kirchengeschichte bis heute geprägt. Bewegte Menschen bewegen was.
Manche Christen haben trotzdem eine Art Aversion gegen den Begriff "Evangelisation" und überlassen diese Aufgabe lieber denen, die eindeutig eine Gabe dafür haben. Wie kann man diese Distanz überwinden?
Der Anfang ist das Gebet. Wenn du anfängst, für Menschen zu beten, für Kirchendistanzierte, für deine Nachbarschaft, dann wird sich was in deinem Herzen verändern. Wenn du betest: "Herr gib mir Augen, um zu sehen, was du siehst", wirst du die Menschen anders wahrnehmen. Dann kannst du über ihre Oberflächen und ihr Möchtegern-Image hinaus den Einstieg zu ihrem Herzen finden, zu ihrer Not, zu ihrer Sünde und Verlorenheit, der es dir dann erlaubt, über Jesus zu reden.
Außerdem müssen wir in unseren Gemeinde darüber reden. Ich denke, wir sind selbst schuld daran, dass viele Leute so einen schrägen Eindruck von Evangelisation haben, weil wir das immer auf Veranstaltungen beschränkt haben. Und das ernten wir gerade.
Sollten Gemeinden dann an Großveranstaltungen wie "ProChrist" oder "Jesus House" überhaupt noch teilnehmen, wenn das für manche Christen sogar zu einer Ausrede dafür wird, nicht anderweitig zu evangelisieren?
Gute Frage. Ich sehe das als eine Art Partnerschaft: Die Hauptverantwortung der Gemeinde ist, dass jeder einzelne mit seiner Geschichte und mit seinem persönlichen Jesus-Erlebnis anderen das Evangelium weitersagt und vorlebt, sie hungrig macht und ihre Sehnsucht stillt. Aber wir brauchen auch Veranstaltungen, in die wir Nichtchristen, Kirchendistanzierte, Suchende und Zweifler einladen können. Aber wo einzelne mit ihrer Geschichte nicht weiterkommen, da muss Gemeinde zum Partner werden, indem sie sagt: "Wenn ihr Leute bringt, sorgen wir dafür, dass sie in unseren Veranstaltungen nicht befremdet sind und nicht denken, sie sind auf einer völlig anderen Insel gelandet oder wurden um ein Jahrhundert zurückversetzt."
In deiner Predigt hast du betont: "Menschen ohne Jesus gehen verloren." Kommunizierst du diese manchmal harten Worte in der Evangelisation direkt oder empfiehlst du, sie positiv zu umschreiben?
Ich glaube, ich habe das in den 30 Jahren, in denen ich Christ bin, nur ein einziges Mal einem Menschen ins Gesicht gesagt. Es ist zwar meine Überzeugung, dass Menschen ohne Jesus verloren gehen, und das treibt mich an. Aber es ist nicht das, was ich im ersten, zweiten oder auch dritten Gespräch meinem Nachbarn, Arbeitskollegen oder der Kassiererin bei Aldi sagen würde. Es gibt Leute, die sich bekehrt haben, nach dem sie so was gehört haben, aber ich denke, dass das einer der ineffektivsten Wege der Evangelisation ist. Die eigene Verlorenheit und durch Sünde bestehende Trennung zu Gott erfahren Menschen auch, indem ich positiv ausdrücke, was ich zu sagen habe.
Positiv ausgedrückt: Wie würdest du das "Gute an der Guten Nachricht" beschreiben?
Ich glaube, dass man überall danach suchen kann. Aber das Gute an der Guten Nachricht ist, dass sie Leben bringt. Leben hier und jetzt, mit Sinn und Ziel, mit einem Freund an meiner Seite und einer Hoffnung, die nicht erst in der Ewigkeit trägt, mit Zukunft und Hoffnung – wie es Jeremia schon im Alten Testament sagt. Und natürlich ist die Gute Nachricht auch ewiges Leben nach dem Tod, ein klar definiertes Zuhause, dabei sein bei Jesus und seinem Reich. Klasse!
Oft besteht eine sprachliche Lücke zwischen frommem Vokabular und der säkularen Umgangssprache. Wie kann man diese Lücke schließen?
Gerade als jemand, der schon lange fromm ist, schon lange mit Bibelworten um sich schmeißt und im Kontext von Gemeinde lebt, muss ich mir die Arbeit machen hinzuhören. Uns sollte klar sein, dass wir mit unserem frommen Vokabular, dem "Kanaanäisch", wie man es ja immer gerne nennt, nicht klarkommen. In der Teenagerarbeit musst du dich mit Teenies auseinandersetzen und ein Stück weit ihre Sprache lernen. Wenn du mit ausländischen Gruppen kommunizieren willst, musst du ihre Sprache tatsächlich lernen.
Aber es gibt auch Subkulturen innerhalb der deutschen Kultur, zum Beispiel bedingt durch Bildung oder Hintergrund, mit denen ich mich auch erst mal auseinandersetzen muss. Wen habe ich da überhaupt vor mir? Wenn ich mit alten Menschen zu tun habe – was momentan in Bremen ein großes Thema ist – muss ich wissen, was die alten Menschen heute beschäftigt.
Wir müssen unsere Theologie, Worte, die uns wichtig sind, nicht gleich aus unserem Vokabular rausschmeißen, aber wir müssen sie definieren und erklären. Und dann rede ich eben über Hoffnung und Leben und Frieden und Freude und Sinn und Ziel und nicht über "Das Evangelium" – das versteht ja keiner.
Wie kann man trotz unterschiedlicher Prägung, Herkunft und Sprache eine Subkultur erreichen, der man eigentlich nicht angehört?
Zuerst muss ich mich fragen: Ist das mein Auftrag? Es kann sein, dass Gott einen flotten 90-Jährigen noch in die Jugendarbeit steckt, aber das wäre außergewöhnlich und schon eine klare Berufung. Insofern muss ich mich fragen, in welche Kultur ich lebe. Bin ich mittelständisch, finanziell versorgt und lebe in einem Arbeitsverhältnis? Dann müsste ich mich in die Arbeit unter Hartz IV-Empfängern hineinrufen lassen. Das passiert, aber dann muss ich mich auch mit diesem Milieu auseinandersetzen und es vielleicht selbst miterleben.
Ich habe zweieinhalb Jahre in den USA als Gefängnispfarrer im Hochsicherheitstrakt für Schwerkriminelle gearbeitet. Am Anfang hatte ich keine Ahnung und musste mich erst mal damit auseinandersetzen, was es heißt, eingesperrt zu sein. Ich ging zwei, drei Mal die Woche ins Gefängnis, beobachtete und hörte, was der Gefängnispfarrer mir vermittelte, bis ich überhaupt nachvollziehbar in diesen Kontext hinein was vom Evangelium erzählen konnte. Man muss Zeit investieren.
Viele MV-Gemeinden sind eher mittelständisch geprägt und es liegt deshalb oft nahe, sich auch dem Mittelstand zuzuwenden. Sollten unsere Gemeinden stärker in anderen Milieus evangelisieren?
Es tut einer Gemeinde immer gut, wenn sich die Gesellschaft in ihr widerspiegelt und sie nicht nur aus gutsituierten Weißen besteht, sondern auch andere Kulturen vertreten sind. Aber das kommt, indem ich in Beziehungen lebe und Beziehungen wage. Es müssen nicht immer Dienste sein. In der Paulus Gemeinde arbeiten wir seit Jahren aktiv in der Drogenabhängigen-Szene und erleben jetzt, wie nach zwei, drei Jahren, in denen wir eigentlich nur investiert haben, auf die Straße gegangen sind, Essensverteilungen mitorganisiert haben, ein Café durch Mitarbeiter mitgestaltet haben – dass die jetzt in unsere Gottesdienste kommen.
Regelmäßig sitzen da jeden Sonntag acht bis zehn Drogenabhängige, die in einer Übergangseinrichtung sind, und unser Gottesdienst gefällt ihnen. Die fallen auf, die sind schrill, aber ich bin dankbar für eine Gemeinde, die gelernt hat, auch diese Menschen willkommen zu heißen.
Ich denke, der Schlüssel wird immer die Liebe sein. Liebe ich die Menschen und sehe ich sie so, wie Gott sie sieht? Bill Hybels hat gesagt: "Jeder Mensch, mit dem du Augenkontakt hast, ist ein Geliebter Gottes." Das hat mich zum Beispiel dazu geführt, beim Einkaufen im Supermarkt für die Kassierer zu beten. Mittlerweile hat sich schon eine bekehrt und kommt zu uns in den Gottesdienst.
Ingo, vielen Dank für das Gespräch!