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Wenn die Liebe einschläft:Spiritualität im Alltag leben
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- vom 21. Dezember 2011
Hanspeter Wolfsberger ist Pfarrer einer kleinen Winzer- und Bauerngemeinde im sonnigen Markgräflerland, nahe der französischen Grenze. Gleichzeitig leitet er das "Haus der Besinnung", ein Gästehaus, das passend auf dem "Betberg" liegt. Hier gibt es drei tägliche Tageszeitengebete, aber auch geistliche Einkehrzeiten und Seelsorge werden angeboten. Auf der diesjährigen Theologischen Leitertagung (TLT) des Mülheimer Verbandes im Tagungs- und Freizeitzentrum Niedenstein referierte er über die "Spiritualität eines Leiters". Im Interview mit Rebekka Dieckmann gibt er ein paar Tipps für das geistliche Leben im Alltag – damit die Liebe zu Gott gar nicht erst einschläft.
Gemeinde KONKRET: Herr Wolfsberger, wenn die Liebe zu Gott eingeschlafen ist, kann man sie dann wieder einüben?
Wenn zwei Eheleute sagen, ihre Liebe sei eingeschlafen, hat man die Möglichkeit zu sagen: Ja, dann habt ihr jetzt keine Chance mehr. Das ist jetzt so. Der Rest ist Durchhalten, wenn ihr die Ehe nicht auflösen wollt. Aber das kann es ja nicht sein! Ich will es mal mit einem etwas frechen Vergleich ausdrücken: Manchmal verlieben sich Arbeitskollegen. Da sitzen sich ein Mann und eine Frau im Großraumbüro gegenüber, die ursprünglich gar nichts miteinander haben. Aber sie sitzen jeden Tag beieinander, gucken über den Schreibtisch und über der Menge an gemeinsamer Zeit entspinnt sich etwas und es entsteht eine Beziehung. Wenn so etwas unter Menschen schon in Situationen möglich ist, die eigentlich gar nicht darauf angelegt sind, dann sollte die verbrachte Zeit mit Gott auch im Stande sein, meine Liebe zu ihm wieder zurückzubringen und mich wieder empfänglicher zu machen für seine Liebe. Mein Rat ist: Verbringe viel Zeit mit ihm, vielleicht auch gegen deine Gefühle.
Jeden Morgen Stille Zeit ist für viele Christen eine Herausforderung. Wie wichtig ist Regelmäßigkeit für das geistliche Leben? Ist das auch Typsache?
Regelmäßigkeit ist nicht gerade zeitgemäß. In unseren Jahren haben wir eher das Spontane, das Flexible, das Überraschende. Wir haben es eingeübt, uns auf eine gewisse Sprunghaftigkeit und Schnelllebigkeit der Dinge einzustellen. Der ungelenke Umgang mit einer Regelmäßigkeit ist also nicht unbedingt genetisch bedingt. Ich bin auch ins Spontane hineingeprägt worden. In die Ungeduld, in die Flüchtigkeit. Ich denke nicht, dass man sich zu etwas zwingen sollte, aber dann und wann wächst vielleicht das eigene Leben auch aus den Brüchen dahin, dass man es jetzt doch noch mal probieren will.
Wie lässt sich eine geistliche Regelmäßigkeit in den Berufsalltag integrieren, wenn man nicht, wie bei Ihnen, auf dem Betberg lebt?
Wer die Regelmäßigkeit mal probieren will, braucht einen gewissen Rahmen, in dem dies stattfinden kann. Wo man sich den Impuls nicht immer selbst geben muss, sondern wo entweder ein äußeres Zeichen oder andere Menschen, die auf einen warten, schützende Elemente sind. Wenn die Regelmäßigkeit ganz allein meinen Gefühlen überlassen ist, werde ich sie oft aushebeln. Für berufstätige Menschen gibt es sehr gute Hilfen, wie man auch in einem Großraumbüro, in dem andere einen sehen, den Tagesverlauf mit Hilfe kleiner Zeichen unterbrechen kann.
Man kann zum Beispiel etwas in seinem Computer einstellen. Oder ich denke an einen Angestellten, der in einem Hochhaus über der Stadt sitzt, aber in seinem Hörbereich noch Kirchenglocken wahrnimmt. Jetzt kann er diese Kirchenglocken nutzen und sich darauf konditionieren, beim Läuten eine kleine Unterbrechung zu machen. Kein anderer weiß, warum er dann ans Fenster tritt. Das ist seine Zeit. Und dann schaut er für eine Minute aus dem Fenster. In dieser einen Minute pflegt er ein ganz einfaches Ein-Satz-Gebet: Ich bin da, Gott, und du bist auch da. In dieser Minute entstehen keine religiösen Hochgefühle. Aber die Summe der Dinge verändert ihn. Er findet sich leichter ein bei Gott. Die Rückkehr zu einer Zeit der Stille ist nicht so schwer. Es wird etwas Geläufiges und das eigene Beten verändert sich auf diese Weise.
Wir haben in Ihren Referaten einige überraschende Geschichten von Leitern gehört, deren geistliches Leben über lange Zeit vollkommen ausgetrocknet war. Warum reden viele Leiter zwar von aber nicht mehr mit Gott?
Ich denke, dass der Beruf des Hauptamtlichen dazu verleitet und auch dazu zwingt, ständig in einer Redeaktion zu sein. Die nächste Bibelstunde wartet, die nächste Predigt wartet. Ob ich das jetzt so haben will oder nicht, ob ich innerlich disponiert bin oder nicht – der Termin steht. Und wenn der Termin dann geschafft ist, dann ist wieder irgendetwas geschafft. Das verleitet dazu, ständig auf diese Redeeinheiten hinzuleben. Das liegt aber auch daran, dass wir Hauptamtliche oft keinen Spiegel, keinen Begleiter haben, keinen der Acht gib auf uns. Und dann vernachlässigen wir die eigene Achtbarkeit.
Wo findet man einen solchen Begleiter? Manch einer weiß möglicherweise gar nicht, wo er einen hernehmen soll.
Ein guter Begleiter darf einem ruhig eine Wegstrecke wert sein. Wenn man jemanden trifft, der nicht zum eigenen Gemeindebereich oder Verband dazugehört, ist das auch was.
Ich kenne zum Beispiel einen alten katholischen Pater, der die ganzen Wichtigtuereien des Lebens schon hinter sich hat. Wenn er morgens aufwacht, denkt er direkt: Christus. Und dann lebt er darin. Und wenn man ihn unverhofft anspricht, fällt ihm immer Christus ein. Aber er ist gleichzeitig so ganz anders. Er sagt keine Dinge, die man in Zeitschriften oder Führungsbüchern liest. Mit zwei Sätzen ist er immer wieder bei dieser einen Sache. Das wirkt manchmal schon fast zu schlicht! Aber weil er es verkörpert, hat seine Aussage manchmal in ganz wenigen Worten so ein großes Gewicht. Und dann höre ich das und denke: Wie konnte ich mich so sehr im Umfeld aufhalten?
Man hört oft Sätze wie: "Dafür bin ich nicht der Typ." Ist Spiritualität Typsache? Kann ich mir "meine Spiritualität" nach einer Art Baukastensystem zusammenstellen?
Es ist nicht mein Ding, zu sagen, dass etwas so und so unbedingt sein muss. Gott hat sich einen solchen Reichtum an Verschiedenheit geleistet. Wer bin ich zu sagen, das und das müsse sein? Ich will anerkennen, dass es Menschen gibt, die stärker von ihrer Ratio, von ihrem Denken her kommen. Die haben mehr davon, einen Text zu lesen oder eine Ansprache zu hören, die gut gegliedert und rational fassbar ist. So jemanden dann gegen den Strich bürsten zu wollen und zu sagen: Mach es doch mal so, wie wir das machen, nämlich auch auf der Gefühlsebene mit Musik und Farben und so weiter – das geht nicht. Dann sollte man diesen Grundtyp so lassen und auch so suchen lassen. Aber dem anderen, der eher auf der Gefühlsebene denkt, muss man auch seine Formen lassen.
Wenn ich dem Rationalen sagen würde: Finde in deiner eigenen Wohnung einen Platz, an dem eine Kerze stehen darf, setz dich zwei Minuten davor und betrachte die Kerze als ein Zeichen der Anwesenheit Gottes. Dann könnte es sein, dass der Rationale da sehr unbequem sitzt. Während sich ein anderer die Anwesenheit Gottes in der Kerze schon denken kann und sie ihm als Zeichen dafür genug ist. Und dann fängt er an, sich der Gegenwart Gottes zu stellen, und sein Gemüt geht mit und das ist gut. Aber ich würde dem Rationalen die Freiheit lassen, mit der Kerze umzugehen oder nicht. Ob es nun neun Typen gibt, wie Gary Thomas schreibt, weiß ich auch nicht. Das finde ich verwirrend viel. Und die Lebensphasen spielen eine Rolle. Es gibt ein Buch von Paul Tournier, einem schweizer Arzt, der gesagt hat, es gebe im Leben eine Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterzeit. Und alle Zeiten sind gut und haben ihren Reichtum. Ich denke, es trägt zum Reichtum des Lebens bei, sich in seiner Jahreszeit einzufinden.
Und in welcher dieser Jahreszeiten sind Sie gerade?
Ich glaube, ich stehe am Beginn der Winterzeit. Vielleicht ist das auch das Denken in Generationenlänge, von etwa 25 Jahren, aber man darf das auch nicht in Beton meißeln. Mit 20 Jahren gibt es einen Schritt in ein anderes Erwachsenwerden. Mit 40 Jahren, das wissen wir alle, kommen ganz vorsichtig ein paar andere Fragen auf, die man vorher nicht gehabt hat. War’s das jetzt im Leben? Man spürt langsam, dass man die Kräfte nicht mehr steigern kann. Es gibt solche Schwellen im Leben. Diese Lebensphasen anzunehmen, ist eine gute Sache. Manchmal denke ich auch, ich wäre gerne 30 Jahre jünger. Wenn ich beim Fahrradfahren überholt werde. Aber richtig stark, richtig authentisch bin ich nur da, wo ich wirklich bin. Und ich denke bei mir ist das der Anfang der Winterzeit.
Herr Wolfsberger, vielen Dank für das Gespräch.