MÜLHEIMERVERBANDFreikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MV)

Die Anfänge in Mülheim

Martin GirkonJonathan PaulEnde des 19. Jahrhunderts erkannten Christen die Verrationalisierung und Verflachung ihres Christseins. Das Verlangen nach einem kraftvollen, geheiligten Glaubensleben brach auf. Gott antwortete auf das Gebet vieler Christen mit neuer Wirksamkeit des Heiligen Geistes, die sich in Erweckung, Lebenserneuerung und Entfaltung geistlicher Gaben manifestierte: die Pfingstbewegung entstand.

Die Geschichte des Mülheimer Verbandes beginnt mit dem geistlichen Aufbruch, den Gott 1905 in Mülheim/Ruhr schenkte. Er wirkte in den Zusammenkünften, die von einer Aktionsgemeinschaft von Laien und Pastoren aus Landeskirchen, Freikirchen und Gemeinschaften getragen wurde. Zu den Initiatoren gehörten u.a. Ernst Modersohn, Martin Girkon, Jakob Vetter, Jonathan Paul und Emil Humburg.

Etwa dreihundert Gläubige fanden in der Christlichen Gemeinschaft Mülheim ihre geistliche Heimat. In vielen Gebieten Deutschlands entstanden „erweckte“ Kreise. Einige Gemeinden unseres Verbandes wurden so im Zeitraum zwischen 1905 und 1908 gegründet.

Anfänglich empfand man sich als einen Reformimpuls innerhalb der etablierten Kirchen. Durch die Betonung der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nach den Leitlinien des Neuen Testaments kam die Bezeichnung „Pfingstler“ sowohl im positiven wie im negativen Sinn auf. Die Vertreter dieser Kreise aus Deutschland und Europa trafen sich 1908 erstmalig auf der Hamburger Dezemberkonferenz.

Auseinandersetzung um die Pfingstbewegung

Das Jahr 1909 lenkte die Entwicklung der deutschen Pfingstbewegung in eine entscheidende Richtung. Im Sommer begann die Reihe der Mülheimer Konferenzen, zu denen von Anfang an viele Gläubige kamen. Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Wächtereifer führten bei manchen Gemeindeleitern und Christen zu einer ablehnenden Haltung. In der „Berliner Erklärung“ (1909) distanzierten sich etwa sechzig verantwortliche Leiter der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung und der Evangelischen Allianz von der Pfingstbewegung. Sie bezeichneten den dort wirkenden Geist als „von unten“.

Trotz der Mülheimer Antworterklärung (1909), die sich zwar einerseits zu den Versagensmomenten in den eigenen Reihen bekannte und die eigene Korrekturwilligkeit betonte, andererseits aber von dem Echtheitsgehalt des Geisteswirkens keine Abstriche machen konnte, kam eine tragfähige Annäherung nicht zustande. Damit wurde für die Existenz der abgetrennten Kreise eine gewisse Strukturgrundlage notwendig. 1913 formierte sich, da man an eine endgültige Trennung nicht glaubte und deshalb die Körperschaftsrechte nicht anstrebte, der Dachverband „Christlicher Gemeinschaftsverband Mülheim an der Ruhr“ – wegen seiner Verlags-Aktivitäten als GmbH.

Entwicklung der freikirchlichen Indentität

Ältestenrat, Anfang der 70er JahreIn den Jahren vor und besonders nach dem Ersten Weltkrieg entstanden vielerorts neue Gemeinden mit eigenen Gemeindehäusern. Größere Regionen bildeten Bünde. Der „Hauptbrüdertag“, der 1911 erstmals als gesamtdeutsche Leiterkonferenz in Berlin zusammengetreten war, entwickelte sich zur leitenden Instanz der Bewegung.

Der Zweite Weltkrieg brachte dann den Verlust blühender Arbeiten in den Ostgebieten. 1951 wurde den Gemeinden in der damaligen DDR die Versammlungserlaubnis entzogen. Im Westen ging die Arbeit positiv weiter. Gemeindeglieder aus den Ostgebieten und volksdeutsche Flüchtlinge fanden hier eine geistliche Heimat.

1978 konnte der CGV in Niedenstein bei Kassel ein eigenes Begegnungszentrum einweihen. Geschäftsstelle und Verlag wurden dorthin verlegt (heute sind beide in Bremen).

Das eigene Freikirchenbewusstsein profilierte sich mehr und mehr, wohl auch deshalb, weil alle Bemühungen erfolglos blieben, die verhängnisvolle Berliner Erklärung von 1909 zu überbrücken. Innerhalb des „Gemeinschaftsverbandes“ wurde die Frage nach der freikirchlichen Identität mindestens seit 1946 thematisiert, aber erst 1998 erfolge die Umbenennung in „Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden“.

Aufbau zwischenkirchlicher Beziehungen

MV-Leitung 20081970 wurde der MV als Gastmitglied in die [Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen] in Deutschland aufgenommen (Vollmitglied seit 2009). An vielen Orten intensivierte sich die Zusammenarbeit auf der Ebene der [Deutschen Evangelischen Allianz].

1981 brachte einen weiteren Akzent für die wachsenden zwischenkirchlichen Beziehungen: Der MV trat der [Vereinigung Evangelischer Freikirchen] als Gastmitglied bei; zehn Jahre später wurde er Vollmitglied. Von den evangelischen Freikirchen kam dann auch achtzig Jahre nach Unterzeichnung der Berliner Erklärung der erste Schritt zu ihrer Überwindung, indem sie erklärten, dass für die Kreise unseres Verbandes die darin gemachten Aussagen nicht mehr zutreffen.

100 Jahre nach der Berliner Erklärung (2009) erschien eine gemeinsame Erklärung des [Gnadauer Gemeinschaftsverbandes] und des Mülheimer Verbandes. U.a. heisst es, die Berliner Erklärung und die Mülheimer Erwiderung „haben (...) für das gegenwärtige Miteinander von Gnadauer und Mülheimer Verband keine Bedeutung. Wir wissen, dass in der jeweils anderen Bewegung der Geist Jesu Christi wirkt.“

 


Buch zur MV-Geschichte:

 

Cover „Jahrhundertbilanz - erweckungsfasziniert und durststreckenerprobt“

Das Buch von Ekkehart Vetter, erschienen 2009, stellt die Geschichte der Mülheimer Erweckung und des Mülheimer Verbandes bis zur Gegenwart ausführlich dar und wagt eine Vision über die Kirche der Zukunft.

525 S., zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-923649-30-3, zu beziehen über den MV-Verlag.

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