MÜLHEIMERVERBANDFreikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MV)

Seit 1992 sind aus der Berliner Lukas-Gemeinde mehrere neue Gemeinden und Gemeinde-Gründungs-Projekte entstanden. Hans-Peter Pache erzählt von diesem lohnenden und manchmal schmerzhaften Prozess.

Ein wegweisender Samstag 1992

Etwa 60 Gemeindeglieder hatten sich mit der Gemeindeleitung zu einem Gebetsnachmittag zusammengefunden. Sie bewegten eine Frage vor Gott: Sollen und wollen wir als Gemeinde an einem Ort wachsen oder durch Gemeindegründungen? Das Für und Wider war in vielen Gesprächen vor diesem Samstag abgewogen worden. Nun brauchte es Gottes Weisung.

Nach einer gemeinsamen Lobpreiszeit und einem einstündigen stillen Hören auf Gott, fanden sich alle TeilnehmerInnen wieder im Gottesdienstraum zusammen und berichteten von ihren geistlichen Eindrücken. Eine ältere Frau meldete sich sofort und erzählte, dass sie selbst keine Teilung hin zur Gemeindegründung wolle, aber dass sie im Stillwerden vor Gott deutlich den Eindruck hatte, dass Gott dieses wolle, auch wenn das mit Schmerzen verbunden sei. Dann berichtete eine zweite Frau von einem Film, der in der Gebetszeit vor ihren inneren Augen abgelaufen war: Ein großer, kostbarer Perserteppich wurde in vier Teile zerschnitten und aus jedem dieser Teile entstand ein neuer großer Teppich.

Nach weiteren Gesprächsbeiträgen war das Ergebnis dieses Nachmittags eindeutig: wir werden eine Tochtergemeinde gründen - und das wird mit Schmerzen verbunden sein.

Gruppenbild nach dem 1. Gottesdienst in Spandau am 9.5.1993

Abschied nehmen

In den folgenden Monaten wurden dann Vorbereitungen für die Gemeindegründung getroffen. Gründungswillige Gemeindeglieder schrieben sich in eine Liste ein, aus der dann bald hervorging, mit welchem Mitarbeiterpotenzial die neue Arbeit beginnen würde. Dabei taten sich einige Überraschungen auf: Menschen, die geradezu prädestiniert schienen, eine Pionierarbeit zu leisten, verweigerten sich, und andere, weniger leistungsfähige Gemeindeglieder wollten unbedingt dazu gehören.

Am Ende startete die Josua-Gemeinde in Spandau mit ca. 35 Erwachsenen und 20 Kindern in einer alten, katholischen Garnisonskirche. Der Schritt heraus aus der bisherigen (Mutter-)Gemeinde fiel den Beteiligten unterschiedlich schwer. Viele waren schon von früher Kindheit an in der Gemeinde aufgewachsen, und viele Freundschaften waren entstanden. Nun trennten sich die Wege. Das schmerzte, Tränen flossen.

Ein Ja zu den Herausforderungen

Hans-Peter Pache zusammen mit Thomas Berbrich, dem ersten Vikar der Josua-GemeindeAußerdem schieden aus der Gemeindeleitung bewährte Mitglieder aus. Gemeinsam hatten wir Erneuerung erlebt, waren wir zahlenmäßig gewachsen, hatten wir Gemeindezukunft erträumt – und nun trennten sich unsere Wege. Und die Aussichten waren völlig ungewiss. Wir starteten ohne Handbücher, Vorbilder oder Mentoren, die uns den Weg weisen konnten. Würde sich das Opfer lohnen? Hatten wir Gott richtig verstanden?

Einige Dienstbereiche der "alten" Gemeinde erlebten einen Mitarbeitereinbruch: Begabte, bewährte, ja leitende Mitarbeiter stiegen aus der Kinderarbeit aus und mussten ersetzt werden. Sänger und Instrumentalisten der Lobpreisteams sowie sehr engagierte evangelistisch orientierte Mitarbeiter zogen um. Wir erlebten wahrlich einen "Geburtsprozess": Wir durften neues Leben freisetzen, blieben aber selbst wie eine "Mutter" geschwächt und müde zurück. Mutterfreuden und Geburtsschmerzen gehören offensichtlich zusammen.

Am Jahresende des Gründungsjahres wurden wir beim Ausblick auf das kommende Jahr auch noch einmal an das andere Risiko erinnert: Mit den ausgesandten Mitgliedern ging auch eine Schwächung unserer Finanzkraft einher. Die Budgetplanung für das neue Jahr wies eine Unterdeckung von 60.000 DM auf.  Einmal mehr war unser Gottvertrauen gefordert.

Eine Gemeindegründung ­ zwischen Bangen und Hoffen

Nach der Euphorie des Neustarts wurde die kleine Gemeinde schon bald von den Realitäten eingeholt:

  • In der Kontaktnahme mit den vor Ort arbeitenden Gemeinden stellte sich schnell heraus: So richtig willkommen war die kleine Gemeinde nicht. Gleich das erste Gespräch erwies sich als sehr ernüchternd: "Was wollen Sie hier? Wir decken die Innenstadt von Spandau ab. Gehen Sie in den Osten, da können sie Gemeinden gründen!", argumentierte der leitende landeskirchliche Pfarrer in Spandau. Damit war klar: Ein gemeinsames Beten und Arbeiten für den Stadtteil war zunächst undenkbar.
  • Es erfüllten sich nicht alle Erwartungen und Hoffnungen bezüglich der Mitarbeiterschaft. Manche Mitglieder des Gründungsteams verabschiedeten sich nach einiger Zeit, z.B. als sie das Ausmaß der Arbeit wahrnahmen oder sich die Arbeit nicht in der von ihnen bevorzugten Richtung entwickelte. Mit dem Aussteigen dieser Mitglieder waren manche persönliche Enttäuschungen verbunden. Und das angesichts einer riesigen zu bewältigenden Arbeit: Gottesdienste mussten verantwortet, Hauskreise geleitet und Alpha-Kurse organisiert werden. Dabei lag die Last auf wenigen Schultern. Hier leisteten die Mitarbeiter des Gründungsteams Unglaubliches. Sie verzichteten auf Freizeit, spendeten mehr als den "Zehnten" und beteiligten ihre ganze Familie. Das alles für das eine Ziel: eine neue Gemeinde für die vielen Menschen in Spandau, die Christus nicht kennen.
  • Irgendwann realisierten die Pioniere der neuen Arbeit auch den Verlust der Vorteile einer größeren Gemeinde: die vielfältigeren Veranstaltungsangebote und Unterstützungssysteme. Dieses Manko erforderte immer wieder ein neues Ja für den eingeschlagenen Weg.
  • Da die Dynamik der Gemeindegründung nicht abzusehen war, lebte die Gemeinde in den ersten zehn Jahren nur in verschiedenen gemieteten Räumen. Das war mit viel Mehrarbeit durch ständigen Auf- und Abbau verbunden, half aber auch, die der jeweiligen Größe entsprechende und gut finanzierbare Örtlichkeiten zu nutzen.

Straßeneinsatz 1995 in Spandau. In der Mitte Jörg Gerasch, der neue Pastor der Gemeinde

Ob es sich gelohnt hat?

Der Preis war hoch, die Gründungsschmerzen spürbar – und dennoch: Es hat sich gelohnt. Nach 20 Jahren ist die Josua-Gemeinde eine der tragenden freikirchlichen Gemeinden im Ortsteil Spandau und dort nicht mehr wegzudenken. Das Engagement der Gemeinde in den sozialen Brennpunkten der Gemeindehausumgebung hätte niemals durch Hauskreise der Muttergemeinde geleistet werden können. Und die wenigsten der Neubekehrten hätten den Weg in die 14km weit entfernte Muttergemeinde gefunden. Gott hat sein Wort wahr gemacht: Aus dem zerschnittenen Perserteppich sind neue, schöne Teppiche geworden.

Was können wir mitnehmen?

Auch nach mehr als 20 Jahren ist das Thema Gemeindegründung nicht selbstverständlich. Die Gefahren und Risiken werden weiterhin beschworen:

1. Eine Gemeindegründung reißt bestehende Beziehungen auseinander!?

In der Tat bedeutet eine Gemeindegründung, sich von lieben, vertrauten und bewährten Menschen zu trennen. Aber ohne Opfer kann dass Reich Gottes nicht wachsen. Hier weist uns Jesus selbst den Weg, der bereit war, für uns das größte Opfer auf sich zu nehmen - die Hingabe seines Lebens!

Gleichzeitig können Mutter- und Tochtergemeinde ein Miteinander kreieren, das helfen kann, den Trennungsschmerz zu überwinden: durch gemeinsame Gottesdienste, Konferenzen, Schulungen sowie Kinder-, Jugend- und Seniorenfreizeiten.

2. Eine Gemeindegründung schwächt die Muttergemeinde!?

So richtig dieser Satz ist, beschreibt er doch kein entscheidendes Kriterium. Er fordert vielmehr dazu heraus, den richtigen Zeitpunkt für eine Gemeindegründung zu finden. Einige Voraussetzungen müssen gegeben sein, z.B.:

  • Eine Gemeinde, die nach dem oben beschrieben Muster (Zellteilung) eine Gemeinde gründen will, braucht bewährte Wege zur Mitarbeiterförderung und -schulung.
  • Es braucht ein großes Maß an Einheit der Gesamtgemeinde gepaart mit der Bereitschaft, die Risiken im Vertrauen auf Gott einzugehen. So sollten bei einer Abstimmung über eine Gemeindegründung mindestens Dreiviertel der Mitglieder einer Gründung zustimmen.
  • Die finanziellen Risiken müssen überschaubar sein - allerdings wird es nie ohne Gottvertrauen gelingen. Gemeindegründung ist und bleibt ein Glaubensabenteuer.
  • Die ausgesandten Mitglieder und Mitarbeiter müssen die notwendige Begabung, Reife und Motivation haben.
  • Das Leitungsteam muss entsprechend geschult sein.

Darüber hinaus gilt, dass jede Gemeindegründung die Chance in sich birgt, nach Überwindung des "Geburtsschmerzes" neu durchzustarten:

  • Der Verlust bewährter Mitarbeiter macht den Einstieg neuer Mitarbeiter nötig, die nun in die neue Aufgabe hineinwachsen.
  • Die Gemeinde lernt gezwungenermaßen, verkrustete und ineffektive Strukturen zu überwinden.
  • Das gemeinsam bewältigte Glaubensprojekt stärkt das Gottvertrauen für neue geistliche Herausforderungen.
  • Jede Gemeindegründung weitet den Blick für die Nöte einer Stadt oder Region und damit die Sicht für das Reich Gottes.
  • Jede Gemeindegründung ermöglicht auch die Chance, sich mit weiteren Gemeinden und Initiativen bzw. Werken zu verbinden. Damit wächst die Sensibilität für andere Gemeinden mit ihren Überzeugungen und Traditionen und daraus folgend auch die Fähigkeit zu einer gelebten Einheit der Gemeinden Jesu an einem Ort.

MV-Delegiertentagung 2008 im Gemeindezentrum "B20" der Josua-Gemeinde Spandau

3. Gemeindegründungen erweisen sich als nicht kraftvoll!?

Diese Beobachtung gilt sicher für so manchen gutgemeinten aber schlecht ausgeführten Versuch.

  • Deshalb braucht jede Gemeindegründung Menschen mit  ausgesprochen evangelistischer Begabung. Andernfalls droht die Gefahr, dass die neue Gemeinde nur durch das Hinzukommen anderer Christen wächst. Transferwachstum ist aber schnell mit dem Risiko verbunden, dass sich die dazu kommenden Christen nicht wirklich in das neue Gemeindekonzept einfügen und irgendwann ihre anderen Überzeugungen artikulieren. Schnell sind dann Leiter in nicht enden wollende Diskussionen über Theologie, Werte und Ziele der neuen Gemeinde verwickelt.
  • Und deshalb braucht jede Gemeindegründung neben der evangelistischen Begabung auch ein profiliertes Leitungsteam, das eine klare Vision sowie Ziele und Werte vorgibt und auch durchsetzen kann.

Fliegen lernen

2006: Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit zu Besuch in der Josua-GemeindeSören Kierkegaard vergleicht einmal die Christen mit Gänsen: "Die Christen leben wie die Gänse auf einem Hof. An jedem siebenten Tag wird eine Parade abgehalten, und der redegewandteste Gänserich steht auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt des redegewandten Gänserichs. Aber eines tun sie nicht: Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher."

Ohne Wagnis werden wir nie abheben und fliegen und wir verpassen das Abenteuer, den Wind des Heiligen Geistes wahrzunehmen, der uns zu den Menschen bringt, die uns brauchen -  als Botschafter der Liebe und Wahrheit Gottes.

Hans-Peter Pache ist Pastor der Lukas-Gemeinde in Berlin, Ältester des MV-Bundes Berlin-Brandenburg und stellvertretender Präses des Mülheimer Verbandes.

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