MÜLHEIMERVERBANDFreikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MV)

Dr. Johannes Hartl (* 1979) ist Leiter des Gebetshauses Augsburg, das er zusammen mit seiner Frau Jutta 2005 gründete: ein Zentrum, in dem an 365 Tagen im Jahr und 24 Stunden am Tag das Gebet nicht aufhört. Die Teilnehmer der Delegiertentagung des MV profitierten von seinen Vorträgen zum Thema "Evangelisation und Gebet". Folgend antwortet er am Rande dieser Tagung auf Fragen von Pastor im MV Edwin Schulz.

Wie hast du selbst begonnen zu beten?

Meine erste Erfahrung mit Gott als Teenager war eine so überwältigende, dass die Sehnsucht, diesen Gott mehr kennen zu lernen schon früh da war. Ich habe Gebet dann in erster Linie kennengelernt als ein liebendes Herz-zu-Herz mit diesem faszinierenden Gott, nicht in erster Linie als etwas, das ich tun und leisten muss. Das ist nach wie vor der wichtigste Bestandteil meiner Definition von Gebet. Dass es auch Fürbitte gibt und dass die auch Auswirkungen hat, habe ich dann erst später in der Jugendarbeit erlebt, als wir gesehen haben wir signifikant effektiver unsere Unternehmungen waren, wenn sie mit Gebet untermauert waren.

Was war für dich das überwältigende am Gebet?

Für mich ist das Entscheidende, dass das Gebet nicht in erster Linie denken und tun ist, sondern wahrnehmen und sein. Das bedeutet, ich muss mich nicht an Gott hindenken oder meine Gebetsliste abrackern, sondern ich darf im Gebet einfach da sein, so wie ich bin und in dem ich wahrnehme, was wirklich da ist, lerne ich nach und nach auch Gottes Gegenwart wahrzunehmen. Das kann verbal sein, im Sinne davon, dass ich den Eindruck habe, Gott spricht zu mir; das kann aber auch sehr still und sehr leise sein. Es geht im Gebet allgemein nicht nur um Erfahrungen, obgleich Erfahrungen helfen.

Haben wir verlernt zu beten und wenn ja warum?

Ja, wir haben verlernt zu beten und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil wir in einem Wahn des Machbaren sind und weil wir glauben, alles in der Hand zu haben. Aber das ist ein Irrtum. Zweitens, weil wir ein extrem rationalistisches Weltbild haben, das nur das für voll nimmt, was es verstehen kann. Im Gebet scheitert mein Verstand, weil es Dinge gibt die größer sind als mein Verstand und es scheitert auch mein Machen-wollen und mein Kontrollieren-wollen, denn beten lernen heißt loslassen lernen.

Das heißt, man kann beten lernen?

Johannes Hartl: Die Jünger kommen zu Jesus in Lukas 11,1 und bitten Ihn: „Lehre uns beten!“ Und Jesus weist sie nicht ab mit dem Hinweis, dass man beten nicht lernen könne. Deshalb gehe ich davon aus, dass man beten lernen kann.

Und wie kann man beten lehren?

Zum Einen, in dem man darüber lehrt und spricht. Wir müssen Dinge im Kopf verstehen, um sie dann auch tun zu können. Zum Anderen, in dem wir Erfahrungsräume schaffen, wo das Gebet erfahrbar wird. Früher waren die Klöster solche heiligen Orte. Und für uns ist das Gebetshaus heute solch eine Schule des Gebets.

Warum sind die Gebetstreffen in unseren Gemeinden so schlecht besucht? Was machen wir falsch?

Wir brauchen ein Modell von Gebet, das nicht das Tun in den Vordergrund stellt, sondern die persönliche Begegnung mit einem liebenden Gott. Wenn das im Mittelpunkt steht, wird Gebet attraktiv und zieht Leute an. Das ist meine Erfahrung.

Und wie ist das mit den unerhörten Gebeten?

Jede Beziehung lebt davon, dass man nicht alles am anderen versteht. Gott ist kein Automat, sondern ein Gegenüber. Deswegen gehört das zur normalen Erfahrung eines jeden Beters. Manchmal ist es nicht zu verstehen, was Gott gerade tut. Unerhörte Gebete motivieren mich, noch mehr zu Gott hin zu laufen und frustrieren mich nicht. Denn im Letzten weiß ich nicht immer, was das Beste für eine Situation ist. Es gibt Dinge, von denen ich aus der Schrift klar weiß, dass sie Gottes Willen sind und dass ich dafür immer beten kann. Aber es gibt andere Bereiche, da weiß ich das nicht.

Was bedeutet für dich „beten ohne Unterlass“?

Zweierlei. Erstens ist das ein Ruf an die ganze Kirche, an die ganze Braut Christi, sich Strukturen zu schaffen oder Häuser, so dass das Gebet nie erlischt. Das ist ein bisschen das, was wir im Gebetshaus machen.

Und zweitens ist es der Ruf an den einzelnen Christen, den ganzen Tag über in einem liebenden Dialog mit Gott zu bleiben. Das gelingt mal mehr und mal weniger. Aber das Ziel ist praktisch, in einen Kontakt zu münden, der nicht mehr abreißt.

Dafür gibt es unterschiedliche Modelle. Ein ganz bekanntes Modell in der orthodoxen Kirche ist das Jesusgebet. Das heißt, dass man die ganze Zeit immer leise den Namen Jesus wiederholt. Ein anderes Modell: Ich kenne Leute, die stellen sich den Wecker so, dass er alle 10 Minuten oder 15 Minuten surrt und dann denken Sie immer dran mit Gott Kontakt aufzunehmen. Früher in den Klöstern hat immer alle Viertelstunde eine Glocke geläutet. Und so wurden Leute erinnert, dass sie ja beten wollten. Das sind alles Tricks, die helfen können.

Wie ist nun euer Gebetshaus in Augsburg entstanden?

Das Gebetshaus Augsburg ist aus den Erfahrungen heraus entstanden, die ich als Jugendlicher in der Jugendarbeit machte. Diese haben mich davon überzeugt, dass es mit dem Gebet, besonders mit dem 24-Stunden-Gebet, etwas auf sich hat. Das hat sich im Laufe der Jahre verdichtet, bis Anfang der 2000er Jahre bei meiner Frau und mir die Vision klar war: Wir sollten selbst solch eine Gebets-Arbeit starten.

Wie verlief der Start der Gebets-Arbeit in Augsburg?

Zunächst fingen wir an, jungen Leuten um uns herum von diesem Plan zu erzählen. Die, die sich angesprochen fühlten, haben wir dann gesammelt. Mit ihnen haben wir uns anfangs an Wochenenden getroffen und daraus ist dann eine Art fester Kern entstanden. Tatsächlich nach Augsburg gezogen sind dann zunächst aber nur meine Frau und ich mit unseren Kindern. Dort haben wir angefangen und die andern sind nach und nach hinzu gekommen.

Ihr seid also keine gebürtigen Augsburger?

Genau, ich stamme aus Niederbayern. Wir haben jahrelang in München gelebt, wo ich auch studiert habe. Dann hatten wir den Eindruck, dass wir von München nach Augsburg umziehen sollten. Wir hatten mehrere Häuser woanders angeboten bekommen, teilweise sogar als Geschenk. Aber wir hatten ganz stark den Eindruck, nach Augsburg ziehen zu sollen - wo wir allerdings kein Hausangebot hatten.

Das klingt spannend.

Ja, der erste Schritt bestand in einem Gebetsraum in unserer eigenen Wohnung. Ein Jahr später mieteten wir einen kleinen Laden. Im Jahr 2012 war es dann so weit, dass wir ein eigenes Haus kaufen konnten. In dem arbeiten und beten wir bis heute.

Ihr bietet seit gut zwei Jahren rund um die Uhr ein 24-Stunden-Gebet an. Wie kam es dazu?

Es ging los mit vier Stunden Gebet pro Tag: Ich habe zwei übernommen, meine Frau eine und noch eine Freundin die vierte Stunde. Und dann wuchs das von Jahr zu Jahr immer weiter. Im September 2011 waren die 168 Wochenstunden dann voll besetzt. Und heute wächst es immer weiter. Immer mehr Leute kommen dazu. Unsere Konferenz die „MEHR“ hat sich über ein paar Jahre hinweg in der Teilnehmerzahl immer fast verdoppelt und entsprechend viele junge Leute kamen auch über das Jahr hinweg dazu, so dass es mittlerweile ganz gut besucht ist.

Welche Auswirkung hat euer Gebet in der Stadt Augsburg?

Wir haben in der Stadt Augsburg eine Reihe von positiven Entwicklungen gesehen. Es ist natürlich nicht immer so leicht, zu sagen, was sich direkt auf unser Gebet zurückzuführen lässt. Denn zum Glück beten ja viele Christen in der Stadt in Augsburg.

Aber ein paar dieser positiven Entwicklungen seien mal benannt. Erstens: Wir haben einen totalen Stopp der Straßenprostitution in Augsburg mit dem deutlichsten Vorgehen gegen Menschenhandel in einer Großstadt in ganz Deutschland.

Zweitens: Wir haben einen praktisch vollständigen Stopp von Abtreibungen in Augsburg. Wir haben drittens eine rückläufige Rate von Kriminalität insgesamt, obwohl in allen anderen Städten in Süddeutschland die Einbruchsrate dramatisch steigt. Das sind drei Dinge. Die kann man auch anders erklären, aber für uns gibt es da Zusammenhänge.

Gab es auch eine Zusammenarbeit mit den entsprechenden Bereichen in der Stadt?

Ja, bei den Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Da kennen wir den zuständigen Politiker und der kennt auch das Gebetshaus. Wir haben Kontakt zueinander. Die Politiker wussten, dass wir diese Themen im Gebet bewegen. Wir haben zusätzlich eine Informationsveranstaltung mit Sozialarbeitern der Stadt im Gebetshaus gemacht.

Du sagtest, dass praktisch keine Abtreibung mehr in Augsburg durchgeführt werden?

Das Thema Abtreibung bewegt uns im Gebet schon seit vielen Jahren. Und wir haben sehr zu unserem Erstaunen im vergangenen Frühjahr in der Augsburger Zeitung gelesen, dass es im Stadtgebiet von Augsburg keinen Arzt mehr gibt, der bereit ist, eine Abtreibung durchzuführen - außer bei medizinischer Indikation, also wenn das Leben der Frau gefährdet ist. Das wurde als großer Versorgungsnotstand in dieser Zeitung beschrieben. Aber für uns war das eine unglaublich tolle Nachricht. Bei knapp 300.000 Einwohnern in unserer Stadt würde man mit einer hohen Anzahl von Abtreibungen rechnen. Dass das Gegenteil der Fall ist, ist für uns kein Zufall.

Wenn man für die eigene Stadt beten möchte: Wie würdest Du beginnen?

Mein erster Tipp ist, sich eine Handvoll Gleichgesinnter zu suchen. Es liegt eine besondere Chance darin, wenn diese aus unterschiedlichen Gemeinden kommen. Denn es ist eine besondere Kraft in dieser Einheit der unterschiedlichen Ströme im Leib Christi.

Der zweite Tipp wäre, auf Verantwortliche in den Gemeinden zuzugehen und diese möglichst schnell zu informieren, so dass es nicht an den Gemeinden vorbeigeht, sondern von Anfang an mit den Gemeinden geht. Zum Beispiel gab es schon einmal im Quartal einen 24 Stunden-Gebetstag, bevor das Gebetshaus anfing. Dieser wurde von unterschiedlichen Gemeinden getragen. Das war eine gute Vorbereitung auf das später entstehende Gebetshaus.

Drittens: Regelmäßig beten. Lieber kleiner starten aber regelmäßig.

Es werden immer wieder neue Wege gesucht, um Evangelisation neu zu erfinden und die Menschen von heute zu erreichen. Welche Rolle spielt das Gebet beim Thema Evangelisation?

Die Entscheidende. Ich glaub, das es die eine richtige Form nicht gibt. Wir brauchen ganz unterschiedliche Formen. Aber Formen, die nicht getragen sind von einem geistlichen Bestreben, werden langfristig keine Frucht bringen. Ich bin für Pluralität und auch Kreativität in neuen evangelistischen Wegen, aber das muss Hand in Hand gehen mit dem begleitenden Gebet. Und das ist tatsächlich etwas, was häufig übersehen wird.

Wie kann das praktisch aussehen?

Das kann erstens so aussehen, dass in dem Team, das eine Evangelisation vorbereitet, das Gebet einen ebenso großen Stellenwert einnimmt wie das Planen. Zweitens kann es so aussehen, dass es parallel zu einer evangelistischen Aktion, wie dem Alphakurs, ein Fürbitte-Team gibt, das im Hintergrund im Gebet begleitet. Oder dass man während eines Jugendcamps einen Gebetsraum einrichtet, wo Tag und Nacht gebetet wird. Das kann drittens konkret bedeuten, dass man als Gemeinde im Gottesdienst mal nicht nur zehn Sekunden, sondern länger für die evangelistische Aktion betet, die gerade ansteht.

Warum braucht Gott unser Gebet?

Gott braucht unser Gebet nicht, sondern er macht sich freiwillig davon abhängig. Gottes Pläne quer durch die Heilsgeschichte, fußen immer auf der Kooperation mit den Menschen.

Jesus selber lehrt, dass wir beten sollen, dass das Reich Gottes komme und der Wille Gottes geschehe. Das bedeutet, dass Jesus das übereinstimmende Gebet seiner Jünger offensichtlich als eine der Vorbedingungen dafür ansieht, dass mehr vom Reich Gottes auf der Erde sichtbar wird. Und wenn Jesus hier ein Muster vorgibt, tun wir gut daran, diesem Muster zu folgen.

Noch einmal zurück zum Thema Evangelisation: Wie können Evangelisation und Gebet Hand in Hand gehen? 

Wenn Gebet echt ist, ist es evangelistisch und wenn Evangelisation echt ist, betet sie. Das ist kein Widerspruch in sich. Konkret kann es Hand in Hand gehen, dass aus Räumen und Zeiten des Gebetes heraus, Leute erfüllt mit der Kraft Gottes hinausgehen und evangelistisch tätig sind und gleichzeitig ihre Erfahrungen in der Evangelisation sie dann wieder ins Gebet treiben. Eigentlich gehören diese beiden Sachen organisch zusammen. Man muss erst auf die eigenartige Idee kommen, das Eine ohne das Andere zu tun.

Was ist das Gebet für dich - in einem Satz?

Beten ist für meinen Geist das, was atmen für meinen Körper ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

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