MÜLHEIMERVERBANDFreikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MV)

Die Nachbarschaft der Josua Gemeinde in Berlin-Spandau veränderte sich in den letzten Jahren und wurde kulturell vielfältiger. Immer wieder besuchten auch Menschen mit Migrationshintergrund den Gottesdienst, und die Gemeindeleitung stellte sich die Frage: "Was muss geschehen, damit sich Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bei uns dazugehörig fühlen?"

Es genügte der Gemeinde nicht, Simultan-Übersetzung und Hauskreise bzw. Gottesdienste in der jeweiligen Muttersprache anzubieten, sondern man wollte den Zugewanderten in Spandau generell besser helfen, in Deutschland anzukommen und sich zurecht zu finden. Außerdem suchte die Gemeinde nach Möglichkeiten, das Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Kulturen in der Gemeinde zu fördern und eine neue innere Einheit anzustoßen. Diese Überlegungen führten zu dem Kurs "Zuhause in Deutschland", der ab Oktober 2014 das erste Mal durchgeführt wurde. In diesem Frühjahr ist eine Neuauflage geplant.

Auseinandersetzen mit der deutschen Kultur

Das Ankommen in einer neuen Kultur ist von vielen Herausforderungen begleitet. Menschen, die in einer ihnen fremden neuen Kultur leben, erleben nach einer anfänglichen Phase des Hochgefühls und der Faszination häufig eine Zeit der Krise, den "Kulturschock". Die Verwirrung über die eigene Rolle und die Rollenerwartungen anderer, die Auseinandersetzung mit fremden Werten, Traditionen und gesellschaftlichen Riten erfordert eine psychische Anpassungsleistung, die oft als Stress erlebt wird. Ob ein Mensch langfristig eine innere Heimat im neuen Land findet oder sich dauerhaft als "Fremder" fühlt und vom gesellschaftlichen Leben distanziert bleibt, hat auch damit zu tun, ob er oder sie die Gelegenheit hat, sich proaktiv mit dieser empfundenen Krise auseinanderzusetzen.

Die Josuagemeinde in Berlin-Spandau

Der Kurs "Zuhause in Deutschland" möchte deshalb den Raum bieten, sich in einem familiären und informellen Rahmen mit verschiedenen Aspekten der deutschen Kultur und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Es wurde als wichtig empfunden, dass diese Auseinandersetzung im Dialog mit Einheimischen geschieht, um sich der deutschen Kultur nicht nur theoretisch anzunähern.

Der Kurs ist  jedoch auch als Lernerfahrung für Deutsche gedacht, denn um eine Willkommenskultur zu schaffen, müssen wir Einblicke in die Lebensrealität der Zugewanderten bekommen. Die interkulturelle Begegnung ist deshalb der zentrale Aspekt dieses Kurses. Es geht nicht darum, dass Einheimische etwas für Zugewanderte anbieten, sondern eher, sich gemeinsam auf eine interkulturelle Reise zu begeben, und so ist auch das Leitungsteam interkulturell zusammengesetzt.

Der Kurs umfasst fünf Themenabende und endet am sechsten Abend mit einem Abschlussfest. Die Treffen haben drei Aspekte: der Austausch in der Tischgemeinschaft, das gemeinsame Essen und ein Impuls zu alltagsrelevanten Themen. Sie haben folgenden Ablauf:

18:30: Ankommen und Begrüßung
19:00: Gemeinsames Essen in der Tischgemeinschaft
19:45: Impuls
20:15: Gesprächsrunde an den Tischen
21:00: Ende

An den Tischen sitzen zu jeweils gleichen Teilen Zugewanderte und Einheimische zusammen. Die Idee ist, dass diese Tischgemeinschaft für die Zeit des Kurses in der Anfangsbesetzung bestehen bleibt, um die Beziehungen zu vertiefen. Da gerade neu Zugewanderte oft noch keine ausreichenden Sprachkenntnisse haben, um aktiv an einer Diskussion teilzunehmen, ist zu empfehlen, dass an den Tischen übersetzt wird und sich die Zugewanderten je nach Sprachen an den Tischen verteilen. Auch ist es wichtig, den Gesprächsleitern eine Einführung in interkultureller Gesprächsführung zu geben, damit das Gespräch nicht von einzelnen Personen dominiert wird.

Gemeinsames Essen

Gemeinsames Essen verbindet und gibt einen Einblick in das Alltagsleben einer Kultur. Der Kurs wird zu einer kulinarischen Weltreise, da jeden Kursabend das Essen von Teilnehmenden einer anderen Kultur gekocht wird. Am ersten Abend gibt es typisch deutsches Essen, danach wird die Einladung ausgesprochen, dass andere Teams oder Tischgemeinschaften kochen sollen. Die Kosten der Lebensmittel werden von der gastgebenden Gemeinde übernommen.

Impuls zu alltagsrelevanten Themen

Der Impuls dauert ungefähr 30 Minuten und dient als Einstieg für das Gespräch an den Tischen. Dabei ist eine multiperspektivische Darstellung der Themen wichtig, die deutlich macht, dass es zu vielen Bereichen mehr als eine "deutsche Meinung" gibt. In der Regel wird jeweils ein Einheimischer und ein Zugewanderter eingeladen, seine Erfahrungen zu teilen.

Die Themen wurden in der Josuagemeinde durch eine kleine im Vorfeld durchgeführte Umfrage ermittelt. Im Vordergrund stand dabei eine starke Orientierung an der Lebenswelt der Teilnehmer und eine Berücksichtigung ihrer Vorkenntnisse und Wünsche.

Leitungsteam

(1) Ankommen in Deutschland
Die indonesische Referentin berichtete über die größte Irritation bei der Ankunft in Deutschland. Was sie als befremdlich erlebte, über welche Situationen sie rückwirkend lachen konnte und was für sie bis heute noch sehr schwer zu verstehen ist. Der einheimische Referent erzählt von seinen Erfahrungen, in denen er in der Begegnung mit Zugewanderten in so manche kulturelle Fettnäpfchen getreten ist und wie er kulturelle Unterschiede erlebt.

(2) Alltagskultur
In diesem Thema ging es unter anderem um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Der südamerikanisch-deutsche Referent berichtet von seinen Beobachtungen, dass sich vor allem jüngere zugewanderte Frauen vorstellen können, Aspekte und Rollenverständnis der deutschen Kultur anzunehmen. Für die Männer ist es jedoch oft sehr herausfordernd, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, deren Rollen nicht so eindeutig geklärt sind. Außerdem wies er darauf hin, dass auch der schwere Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt und nur eine beschränkte Möglichkeit für die Familie sorgen zu können, bei vielen Männern zu Verunsicherung führt.

(3) Polizei und Deutsches Recht
Ein Polizist stellte die Aufgaben und Herausforderungen der Polizei in einer multikulturellen Gesellschaft da. Er erläutert auch, dass jeder Bürger auch die Aufgabe hat, Verbrechen zu melden, als Zeuge auszusagen und seinen Teil zur inneren Sicherheit des Landes beizutragen hat. Ein Anwältin gab eine kurze Einführung in den Stellenwert und den Chancen des deutschen Rechtsystems. Danach fokussierte sie ihre Präsentation auf die Herausforderung des Ausländerrechts. Sie erzählte, wie oft ihre Klienten die Erfahrungen machten, als dumm verkauft zu werden, obwohl es sich um gebildete Leute handelte, da sie nur die deutsche Sprachen nicht beherrschten.

(4) Schule
In diesem Impuls berichtete eine Deutsche mit togolesischen Wurzeln, wie sie und ihre Eltern die Schulzeit erlebt haben. Für viele Zugewanderte sind Lehrer Respektspersonen, und so waren sie irritiert, wenn bei einem Elternabend, die Mütter und Väter, in ihren Augen, respektlos die Methoden der Lehrer kritisierten. Neben diesem Bericht gab ein deutscher Lehrer Einblick in die täglichen Herausforderungen des Schulalltags.

(5) Religiöse Landschaft in Deutschland
Es gab eine kurze Einführung in die Entwicklung des Christentums und die religiöse Landschaft in Berlin. An den Tischen wurde dann diskutiert, wie jeder Einzelne die religiöse Vielfalt erlebt.

Erfahrungen

Die Tischgemeinschaften wurden am Abschlussfest gebeten, ihre Erfahrungen zu teilen. Dabei wurde deutlich, dass die Beziehungen und Gespräche an den Tischen für viele Teilnehmer das Herzstück des Kurses waren. Die Impulse boten viel Gesprächsstoff an den Tischen, und da das Vertrauen mit der Zeit wuchs, wurden auch manchmal schmerzhafte Geschichten erzählt. Zum Beispiel mussten koptische Christen, die aus Ägypten geflohen waren, nachdem ihre Kirchen angezündet wurden, nun auch in Berlin erleben, wie auf ihre Kirche ein Brandanschlag verübt wurde.

Team Café der Kulturen

Die Gemeinde stellte im Verlauf des Kurses fest, dass es wichtig ist, die Eckdaten (die Örtlichkeiten, das Essen und die Referenten) organisiert zu haben, aber ansonsten so einer interkulturellen Veranstaltung viel Flexibilität zu erlauben.

Die Idee, dass die Tischgemeinschaften konstant bleiben, funktionierte nur zum Teil. Immer wieder wurden neue Teilnehmer von ihren Freunden mitgebracht, und so vergrößerte und veränderte sich die Zusammensetzung der Tische. Insgesamt nahmen zwischen 50 und 60 Teilnehmer an diesem Kurs teil. Die Gruppe der Zugewanderten war sehr viel größer, so konnten die Tische nicht paritätisch mit Deutschen besetzt werden. Viele der Zugewanderten betonten, dass sie sich wünschen, sich mit Einheimischen zu befreunden, aber wie schwer es ist, in Kontakt mit ihnen zu kommen. Der Kurs gab ihnen die Möglichkeit, Beziehungen zu knüpfen und einen besseren Einblick in das deutsche Alltagsleben zu bekommen. Um dieses Anliegen weiter zu fördern, wurde im Anschluss an den Kurs ein "Café der Kulturen gegründet, bei dem sich einmal wöchentlich interessierte Gäste aus verschiedenen Kulturen treffen und unterhalten können.

Die große Mehrheit der Teilnehmer dieses ersten Kurses in der Josuagemeinde hatte einen christlichen Hintergrund, jedoch ist der Kurs prinzipiell auch auf religiös deutlicher gemischte Gruppen übertragbar.

Renate Berger, Josuagemeinde Spandau

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